Rasant eintretende Folgen der Klimaänderung
Lange, trockene Perioden gefolgt von Starkniederschlägen von bisher als extrem bezeichnetem Ausmass werden von Klimawissenschaftlern prognostiziert. Vorboten bestätigen diese Prognose mehr und mehr. Im vergangenen Jahr bildeten die Überschwemmungen in Österreich, Murgänge in Brienz im Berner Oberland, im Tessin und natürlich auch die gravierenden Schäden im Misox Beispiele für die Folgen solcher prognostizierten Wetterszenarien. Sowohl im Misox wie auch in Brienz BE spricht man nach den erfolgten Ereignisanalysen von grossen bis sehr grossen Ereignissen und von bis anhin anders eingeschätzten Folgen, als es die Realität aufzeigte [1], [2]. Das liegt in der Natur von Abschätzungen. Man kann sie erst validieren, wenn sie eingetreten sind. Nun werden Gefahrenkarten überarbeitet und Schutzmassnahmen entsprechend angepasst.
Die Ereignisse haben wohl bei manchen Verantwortlichen anderer Gemeinden auch Fragen ausgelöst. Wie robust sind unsere bisherigen Verbauungsbestrebungen im Hinblick auf solche, sich bewahrheitenden Tendenzen? Wie lässt sich das zuverlässig abschätzen und wie sehen präventiv schutzverbessernde Massnahmen aus?
Von der Sicherung hin zu mehr Platz und Grosszügigkeit
Im Wasserbau ist unbestritten die Wichtigkeit des Raumbedarfs der Gewässer und des Wasserrückhalts ins Zentrum des Handelns gerückt. Im Wildbachverbau ist eine Ausweitung des Gerinneraums aufgrund der Topografie häufig stark eingeschränkt. Im Vergleich zu den Anfängen des Verbauwesens wird heute den Gerinneprozessen, aber auch in Wildbächen wesentlich freiere Entfaltung zugestanden. So werden Geschiebevolumen eher durch Rückhalte- oder Dosiersperren eingangs der Verlandungsstrecke zurückgehalten oder eben dosiert und abgeleitet anstelle von umfangreichen, technischen und ingenieurbiologischen Verbaumassnahmen im Einzugsgebiet. Voraussetzungen dafür sind genügend Stauraum und Konzepte zur Entfernung des anfallenden Geschiebes. Die Entwicklung ist teilweise begründet in der Wirtschaftlichkeit unter Berücksichtigung der Risikominderung (EconoMe). Weiter wird der ökologische Wert von dynamisch, heterogenen Gerinneabschnitten zu Recht hoch gewertet. Und zudem sind erosionsgefährdete Wald- und Landwirtschaftsflächen wesentlich weniger nutzungszentriert von Interesse und entsprechend weniger umkämpft.

Abb. 1: Die Oberflächenbeschaffenheit und Bodeneigenschaften beeinflussen die Hydrologie. Erosionsschutz und Wiederbewaldungsbestrebungen in der Val Schais, Val Müstair. (Bilder: Walter Krättli).
Wohl wichtig, aber wie erwähnt, etwas in den Hintergrund gerückt ist das Umfeld der Wildbäche. Es bildet schon seit Inkrafttreten der ersten Forstgesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts einen wesentlichen Teil des Schutzes gegen Wasser- und Folgegefahren. – Gemäss der Schutzwaldausscheidung nach SilvaProtect ist die Wirkung von waldbaulichen Massnahmen auf Abflussspitzen kaum zu beziffern. Sie hängt z. B. mehr von Standortfaktoren und dem Verlauf eines Niederschlagereignisses ab [3]. Die reine Präsenz von Wald hat jedoch unbestritten eine hydrologisch ausgleichende, der Wasserspeicherung förderliche Wirkung. Mit gezielter Waldpflege, welche nach immer besser bekannten, prozessorientierten Anforderungen ausgerichtet wird, können Gefährdungen reduziert werden. So wird beim waldbaulichen Handeln nach den Grundsätzen «Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald» NaiS neben kontinuierlichem Walderhalt insbesondere gegen Geschiebe- und Schwemmholzeintrag vorgesorgt [4].
Wo liegen die Grenzen der Grosszügigkeit?
Im Gegenzug zur Interessenlage an Flächen im Einzugsgebiet zahlreicher Wildbäche ist der Gewässerraum in Unterläufen und Vorflutern von Wildbächen bekannterweise immer stärker umkämpft. Gemäss dem Bundesamt für Umwelt BAFU nimmt in der Schweiz die Konzentration wertvoller Güter in gefährdeten Gebieten stetig zu. Damit steigen auch die potenziellen Schäden durch Naturgefahren und mithin die Risiken (Zunahme der Anzahl gefährdeter Objekte, des Wertes der gefährdeten Güter und ihrer Verletzlichkeit gegenüber Schäden) [5]. Dies gilt auch für Wassergefahren. In diesem Bewusstsein scheint die Wichtigkeit hydrologisch gut funktionierender Einzugsgebiete immer wichtiger. Damit sind eine abflussdämpfende Geomorphologie, insbesondere erosionsstabile, Wasser rückhaltende Böden, passende Vegetation und entsprechende Nutzungs- sowie Pflegeformen gemeint.
Ein interessantes Projekt im Auftrag des BAFU modelliert Folgen in der Landschaftsentwicklung bei einer hypothetischen Erwärmung von +4°C gegenüber den Jahren 1981 bis 2010 (siehe auch QR-Code). Obwohl neben quantitativen Modellen auch sehr viel qualitative Faktoren die Methodik des Projektes prägen, gilt es in diesem Zusammenhang folgende Tendenzen zu erwähnen. Das Landschaftsbild wird sich sehr stark ändern, kann aber durch gesellschaftliche und politische Anpassungen unterschiedlich beeinflusst werden. Hinsichtlich Naturgefahren ist bekannt, dass Erosion, Rutschungen bis zu Bergstürzen und Hochwasser häufiger drohen. Wie man diesen begegnet, ist strategisch zu entscheiden. Sehr gut erkennbar ist, dass eine zeitige Anpassung in allen Belangen ratsam ist und sich mildernd auf die Konsequenzen auswirkt [6].

Abb. 2: QR-Code zum genannten WSL-Projekt.
Was also tun, an Wildbächen?
Eine aktive Landschaftsgestaltung auf der Basis bewusst gewählter Strategien ist daher zu begrüssen. Aufgrund der Ausführungen gehören auch vermehrt wieder die Kontrolle und gefährdungsmindernde Pflege der Landschaft in Einzugsgebieten von Wildbächen dazu. Die Beobachtung von hydrologisch wirksamen und gefährdenden Entwicklungen steht dabei am Anfang. In der Folge kann auf das eingangs erwähnte Erfahrungswissen zurückgegriffen werden. Denn viele Massnahmen, die Rutschungs- und Hochwassergefahren in Einzugsgebieten mindern sind erprobt und bekannt. Eine grosse Herausforderung wird sein, Zeichen in der Landschaft früh zu erkennen und rechtzeitig auf die richtigen Massnahmen zu setzen. Dazu gehören anpassbare Beweidungskonzepte, angepasste Baumarten und Waldpflege sowie Erhalt der bestehenden und den Szenarien entsprechende neue Verbauungen und ebenso Aufweitungen der Gerinne, wo dies möglich ist. Die technische Sicherung von Bachsohlen und Gerinneeinhängen macht folglich an vielen Orten weiterhin Sinn. Sie soll keineswegs in Konkurrenz zur vermehrten Gewässerdynamik stehen. Vielmehr braucht es Wissen, wo Dynamik und Raum und wo Sicherung zur Gefährdungsminderung beitragen kann.
Die aufgeworfenen Fragen und Herausforderungen brauchen Antworten. Ein integraler Austausch unter den Disziplinen, die den Naturraum Planen, Gestalten und Nutzen ist angezeigt. Denn alle können beitragen. Die vermehrte Zusammenarbeit zwischen Forschung, Praxis und Behörden ist wichtig, um den Verantwortlichen gute Entscheidungsgrundlagen liefern zu können.

Abb. 3: Mit einer einfachen Sohlschwelle aus vor Ort gewonnenem Holz werden die Tiefenerosion und folglich die Einhänge stabilisiert.
Fachtagung Wildbäche – ein Bündeln der Kräfte
Ende Oktober vergangenen Jahres fand auf dem Campus Rapperswil der Ostschweizer Fachhochschule OST die erste Fachtagung Wildbäche zum Thema «Modellierung von Wildbachprozessen» statt. Diese Tagung soll gemäss den Organisierenden, der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und der OST den Anfang bilden, die Thematik der Wildbäche in der Schweiz wieder vermehrt in den Fokus zu rücken und einen aktiven Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Behörden zu schaffen [7]. Ein gutes Zeichen im Hinblick auf das Bevorstehende.
Walter Krättli, BSc FH Forstwirtschaft, Fachstelle für forstliche Bautechnik, fobatec.ch.
Quellen
[1] AWN GR 2024. Unwetterereignis Misox: Ereignisanalyse ausgewählter Bäche abgeschlossen, erste Arbeiten bereits umgesetzt. Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden, 25.11.2024, abgerufen am 21.01.2025.
[2] Berner Zeitung Oberland 2024. Unwetter in Brienz: Experten analysieren Murgang. Berner Oberländer, 16.10.2024, abgerufen am 21.01.2025.
[3] Lange B., Losey S., Zürcher S. 2022. Neues NaiS-Anforderungsprofil für Gerinneschutzwälder. Wald und Holz, 6/22, 24-27.
[4] Bundesamt für Umwelt 2021. NaiS, Anhang 1 Naturgefahren, Kapitel 5 Gerinneprozesse. 17.
[5] Bundesamt für Umwelt 2024. Risikoermittlung und -bewertung, 06.11.2024, abgerufen am 21.01.2025.
[6] Tobias S. et al. 2023. +4°C und mehr: Schweizer Landschaften im Klimawandel. WSL-Berichte, Heft 139, 54S.
[7] OK Fachtagung Wildbäche 2024. Fachtagung Wildbäche 2024 – Ein Schritt in die richtige Richtung. FAN Agenda 2/2024, 15.







































































