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Bündner Holz - regional nutzen, Zukunft gestalten

Graubünden produziert jährlich ca. 230 000 m3 Nutzholz, doch nur rund 25% werden lokal verarbeitet. Aktuelle Leuchtturmprojekte zeigen: Hochwertige Architektur und regionales Holz passen perfekt zusammen – ökologisch, ­wirtschaftlich und kulturell. Robert Albertin

Jetzt gilt es, die Wertschöpfung im Kanton auszubauen: Investitionen in Sägerein, Veredelung zu hochwertigen Produkten, Ausbildung von Fachkräften in der Holzkette und koordinierte Beschaffung des Rohstoffs schaffen Arbeitsplätze, reduzieren Transportwege und stärken Dorfgemeinschaften. Bündner Holz kann mehr sein als nur Baustoff, es kann Motor für Innovation, nachhaltige Architektur und regionale Prosperität werden. Politischer Mut und strategische Weichenstellungen sind entscheidend, um dieses Potenzial entschlossen zu nutzen. 

Ausgangslage und aktuelle Beispiele
In Sedrun wurde diesen Sommer die Casa Depuoz offiziell den Nutzerinnen und Nutzern übergeben. Das Casa Depuoz ist ein Vorzeigeprojekt im nachhaltigen Bauen und wurde mit dem Label «Schweizer Holz» ausgezeichnet. Ebenso die neue Mehrzweckhalle in Grüsch und das Schwimmbadgebäude in Fideris, die bewusst auf Holz aus vertrauter Produktion setzen.


Übergabe Zertifikat Schweizer Holz, 7. November 2025. (Bild: Graubünden Holz)

Doch was auf den ersten Blick selbstverständlich wirkt – dass ein Holzbau im alpinen Raum mit regio­nalem Holz errichtet wird –, ist in der Realität noch längst nicht die Regel. Die Holzflussanalyse für den Kanton zeigt deutlich: 2024 wurden in Graubünden 409 000 m3 Holz geschlagen, wovon rund 90% tatsächlich genutzt wurden. Ein Grossteil dieses wertvollen Rundholzes verlässt jedoch den Kanton, um erst ausserhalb weiterverarbeitet zu werden – und oftmals in veredelter Form wieder zurückzukehren.
Ein bedeutender Hoffnungsschimmer zeichnet sich mit dem neuen Holzverarbeitungszentrum und Sägewerk «Resurses» in Tinizong/Surses ab. Das Werk bietet erstmals Kapazitäten, um regional geschlagenes Rundholz direkt im Kanton zu veredeln und kann jährlich bis zu rund 70 000 m3 verarbeiten – deutlich mehr als alle bisherigen Bündner Sägereien. Solche Investitionen sind entscheidend, um die Wertschöpfung im Kanton zu halten, Transportwege zu reduzieren und die regionale Holzbaukompetenz langfristig zu stärken.


Atrium Ost des neuen Fachhochschulzentrums Graubünden. (Bild: Giuliani Hönger Architekten/Visualisierung maaars)

Bündner Holz als Zukunftschance: Vom Roh­stoff zum regionalen Wertschöpfungsmotor
Damit das Holz aus Graubünden künftig vermehrt im Kanton bleibt, braucht es klare politische Weichenstellungen und den gemeinsamen Einsatz aller Akteure – von Waldbesitzenden über Gemeinden und Holzbaubetriebe bis hin zu Planenden sowie Architektinnen und Architekten. Zwar liegen zahlreiche Berichte, Studien und Auswertungen, unter anderem des Bundesamts für Umwelt und von Graubünden Holz, vor und zeigen sowohl den Zustand der Wälder als auch hochrelevante Wertschöpfungspotenziale und belastbare statistische Grundlagen auf. Der Neubau der Fachhochschule Graubünden setzt hier einen Akzent, der zeigt, dass zeitgemässe Architektur und regionale Holzproduktion kein Widerspruch sind, sondern ein starkes Signal für Innovationskraft, Selbstbewusstsein und eine zukunftsorientierte Ressourcenstra­tegie.
Ein ganzheitlicher Blick auf die Holzwirtschaft zeigt, dass es nicht nur um Schweizer Holz und CO2-Reduktion geht. Ebenso wichtig sind kurze Transportwege, regionale Veredelung, wirtschaftliche Stabilität und die Ausbildung der nächsten Generation. In Graubünden arbeiten rund 2000 bis 2500 Personen in etwa 600 Betrieben entlang der Holzkette – regional unterschiedlich, aber insgesamt zentral für die kantonale Wirtschaft. Wird die Produktion stärker im Kanton gehalten, steigt die regionale Wertschöpfung und das Risiko der Abwanderung sinkt, besonders in peripheren Tälern.


Mockups der Studierenden an der Fachhochschule Graubünden. (Bild: Fachhochschule Graubünden)

Stabile wirtschaftliche Perspektiven stärken Dorfgemeinschaften: Familien bleiben im Tal, zahlen Steuern, bilden Nachwuchs aus und tragen zum sozialen Gefüge bei. So entsteht ein Wertschöpfungskreislauf, der seit Jahrzehnten wirkt und durch eine modern ausgerichtete Holzwirtschaft weiter gestärkt werden kann. Dafür braucht es Unternehmen, die an die Zukunft des Bündner Holzes glauben und investieren. Die Wald- und Holzbranche spielt eine Schlüsselrolle im Klimaschutz – durch die Substitution energieintensiver Materialien und langfristige Kohlenstoffspeicherung. Doch die Transformation gelingt nur mit politischem und gesellschaftlichem Rückhalt. Wird das Holz von der Ernte bis zur veredelten Ware vollständig im Kanton verarbeitet, entsteht ein ökologisch und wirtschaftlich geschlossener Kreislauf: Ressourcen bleiben in der Region, Betriebe werden gestärkt und die Bedeutung des Holzbaus wächst.

Wichtige strategische Ansätze:

  • Investitionen in Sägereien, Trocknung und industrielle Vorfertigung
  • Öffentliche Beschaffung mit klaren Herkunftsvorgaben (z. B. «Schweizer Holz»)
  • Förderinstrumente für Veredlungsanlagen und Ausbildung
  • Bessere Koordination zwischen Waldbesitz, Sägewerken und Bauwirtschaft, inklusive transparenter Preise und verbindlicher Lieferungen

Graubünden verfügt über Ressourcen, Tradition und Know-how, um Holz zu einem zentralen Pfeiler einer nachhaltigen Wirtschafts-, Klima- und Standortstrategie zu machen. Damit ein regionaler, nachhaltiger Materialkreislauf funktioniert, braucht es fundierte Ausbildung und ein Bewusstsein für die damit verbundenen Chancen – besonders bei der jungen Generation. Die Fachhochschule Grau­bünden (FHGR) und regionale Bildungsinstitutionen leisten dazu seit Jahren zentrale Beiträge: Entwurfs- und Konstruktionssemester mit Schwerpunkt Holzbau, neue Lehrveranstaltungen zum nachhaltigen Konstruieren und zur Materialwahl sowie enge Kooperationen mit Praxispartnern sind fest etabliert.


Studentische Arbeit im Holzbausemester an der Fachhochschule Graubünden. (Bild: Lucca Anita Lauterbach)

Junge Generationen für nachhaltige Materialkreisläufe stärken
Architektur Studierende lernen von Beginn an materialgerechtes Konstruieren, Prinzipien der Vorfertigung sowie die soziale und ökologische Verantwortung beim Einsatz regionaler Baustoffe. Best-Practice-Beispiele – von prägenden Schweizer Architekturen bis zu aktuellen Positionen jüngerer Büros – bieten Orientierung und inspirieren eine neue Generation von Architektinnen und Architekten. Diese Vorbilder sind für Studierende, Bauherrschaften, Investoren und öffentliche Institutionen gleichermassen bedeutend. Seit den 1970er-Jahren haben Zimmerleute, Architekturbüros und Tragwerksplanende gemeinsam eine qualitätsorientierte Baukultur im Holzbau entwickelt. Leuchtturmprojekte zeigen, dass moderner Holzbau heute nicht nur ökologisch überzeugt, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bietet: Industrialisierung und Vorfertigung ermöglichen effiziente Planungs- und Bauprozesse, verkürzen Bauzeiten, steigern die Qualität und erleichtern Wartung, Anpassung und Rückbau über den gesamten Lebenszyklus.

Im Modul »Nachhaltigkeit in der Architektur« erhalten die Studierenden einen umfassenden Einblick in ökologische, technische und gestalterische Zusammenhänge. Grundlagen des nachhaltigen Bauens werden mit zeitgemässer, verantwortungsvoller Baukultur verknüpft; Gastreferate aus Forschung und Industrie ermöglichen den direkten Wissens­transfer. Themenschwerpunkte sind unter anderem ressourcenschonende Baustoffe, innovative Gebäudetechnik, zirkuläre Konstruktionssysteme, geschlossene Materialkreisläufe sowie Aspekte wie Systemtrennung, Demontage und Rezyklierbarkeit. Anhand realisierter Projekte wird aufgezeigt, wie sich diese Ansätze praktisch umsetzen lassen.
Ein weiterer Fokus liegt auf regenerativen Baustoffen wie Lehm, Hanfkalk, Stroh und Holz sowie auf anpassungsfähigen Tragstrukturen und nutzungsneutralen Gebäuden. Auf städtebaulicher Ebene werden Schwammstadt-Strategien, Hitzeinselvermeidung und zukunftsfähige Mobilitätskonzepte thematisiert – etwa 10-Minuten-Nachbarschaften, autoarme Siedlungen, Mobility Hubs und Smart-City-Ansätze. Mit dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) erhalten die Studierenden zudem ein Werkzeug, um Projekte systematisch hinsichtlich Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zu analysieren.
Seit mehreren Jahren bietet die FHGR ein eigenes Semester mit Fokus Holzbau an. Das «Konstruktive Entwerfen» vermittelt die Anwendung traditioneller wie industrieller Holzbauregeln im architektonischen Entwurf. Aufgrund seiner konstruktiven Logik ist der Holzbau ein idealer Lernträger, um das Zusammenspiel von Entwurf, technischem Verständnis, bauphysikalischen Anforderungen und realen Baustandards im Detail nachzuvollziehen. Das Modul baut auf regionaler Baukultur und anerkannten Regeln des Holzbaus auf und integriert moderne Fertigungs- und Planungsmethoden – ein wichtiger Schritt hin zu einem zeitgemässen, materialspezifischen Architekturverständnis.

Robert Albertin ist Professor für Architektur sowie stellvertretender Studienleiter am Institut für Bauen im alpinen Raum (FHGR) und betreut ein Architektur- und Bauberatungsbüro in Haldenstein und ist seit 2025 Vorstandsmitglied bei Graubünden Holz.