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Bündnerwald Februar 2026

Holzkettenprojekt Mehrfamilienhaus Rheinwald mit CO2-Speicher-zertifikaten

Mit dem Neubau des Mehrfamilienhauses an der Italienischen Strasse in Splügen setzt die Gemeinde Rheinwald ein kraftvolles Zeichen für eine klimawirksame, regionale und zukunftsfähige Bauweise. Das Projekt wurde als eines der schweizweit 15–20 Pilotprojekte von Timber Finance ausgewählt, um den Holzbau erstmals als CO2-Speichertechnologie im Rahmen einer neuen, internationalen Klimamethodologie für biobasierte Baumaterialien zu zertifizieren. Damit gehört das Rheinwald-Projekt zu den Pionieren, die den Weg ebnen für eine Low-Carbon-Bauwirtschaft und eine stärkere Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Gebäude. Marcel Lerch

Ein Pilotprojekt für CO2-Speicherzertifikate im Schweizer Holzbau
Timber Finance entwickelt seit 2022 – gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern – eine nach dem ICROA anerkannte Methodologie, welche die CO2-Speicherung im verbauten Holz erstmals messbar, zertifizierbar und handelbar macht. Damit können Bauherrschaften künftig Erlöse aus dem Handel mit CO2-Speicherzertifikaten für Holzbauten erzielen.


Rundholzpolter. (Bilder: Graubünden Holz)

Holzbau erbringt dabei zwei zentrale Klimaleistungen: Zum einen ersetzt er emissionsintensive Materialien wie Stahl und Beton und reduziert so graue Emissionen bereits in der Bauphase. Zum anderen speichert das verbaute Holz biogenes CO2 langfristig über die gesamte Lebensdauer der tragenden Gebäudestruktur.
In diesem Zusammenhang sollen auch Waldwirtschaftsbetriebe für ihre Klimaleistung durch nachhaltige Bewirtschaftung – etwa durch Transformation, Durchforstung und Verjüngung – entschädigt werden. Damit wird die Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Gebäude ganzheitlich in die Klimawirkung eingebunden.
Im Rahmen der Pilotphase werden in der DACH-Region mehrgeschossige Holz-, Gewerbe- und Industriebauten berücksichtigt, die sich noch in der Planungsphase oder vor Baubeginn befinden. Ziel der Pilotphase ist es, den Holzbau als skalierbaren Ansatz für die langfristige CO2-Speicherung zu etablieren. Dabei wird CO2 erfasst, das Bäume während ihres Wachstums aus der Atmosphäre aufnehmen und das im verbauten Holz über die gesamte Lebensdauer der tragenden Gebäudestruktur gebunden bleibt.


Abbundarbeiten bei den Wandelementen.

Regionale Holzverwendung als Klimabeitrag
Herzstück des Splügner Projekts ist der umfassende, regionale Holzeinsatz: Insgesamt werden 433 m3 Holz verbaut, davon 260 m3 aus dem Revitalisierungsprojekt Äbi bei Medels/Nufenen. Das schafft Wertschöpfung im Tal, stärkt die regionale Waldpflege und fördert die Schutzwaldfunktion nachhaltig. Gerade weil im Schweizer Wald jährlich rund 3 Mio. m3 Holz ungenutzt bleiben, zeigt das Projekt exemplarisch, wie Waldbewirtschaftung und Holzbau gemeinsam eine positive Klimawirkung entfalten können.
Der Bau entsteht als hybrider Beton-Holzelement­bau. Auf der Stahlbeton-Einstellhalle werden fünf Geschosse in vorfabrizierter Holzelementbauweise errichtet. Rund 300 Wandmodule aus beidseitig beplankten, gedämmten Holzständern sowie Holz-Beton-Verbunddecken kombinieren die Vorteile beider Materialien: hohe Tragfähigkeit, verlässlicher Brand- und Schallschutz sowie ein markant tieferer CO2-Fussabdruck gegenüber der konven­tionellen Massivbauweise.


Brettschichtstapel

Wohnraum für den Rheinwald – klimafreundlich, funktional, bezahlbar
Mit dem Neubau reagiert die Gemeinde auf die zunehmende Verknappung von Erstwohnungen. Viele Menschen sind bereits gezwungen, ausserhalb des Tals Wohnraum zu suchen – mit entsprechendem Verlust an lokaler Wertschöpfung. Das neue Gebäude schafft 18 moderne Erstwohnungen (2½ bis 4½ Zimmer) mit durchdachten Grundrissen, guter Ausstattung und komfortabler Infrastruktur.


Aufrichte

Der Bezug ist auf Sommer 2026 geplant. Mit einem Investitionsvolumen von 6,9 Mio. Franken stärkt die Gemeinde nicht nur die lokale Bau- und Holzbranche, sondern setzt auch ein starkes Zeichen für nachhaltige Entwicklung. Zahlreiche regionale Unternehmen – vom Forstamt über die Sägerei, Planung, Holzbau und Gebäudetechnik bis hin zu weiteren Firmen im Hochbau – sind am Projekt beteiligt.


Akteure

Impuls für den Schweizer Holzbau
Das Mehrfamilienhaus Rheinwald zeigt beispielhaft, welches Potenzial in grossen Holzbauten steckt:

  • Graue Emissionen vermeiden durch den Einsatz von Low-Carbon-Materialien
  • Regionale Wald- und Holzwirtschaft stärken
  • Innovative Wertschöpfungsketten schaffen
  • Bezahlbaren Wohnraum ermöglichen
  • Zusätzliche Erlöse aus CO²-Speicherzertifikaten generieren

Damit dient das Projekt als Motivations- und Referenzbeispiel für weitere Bauherrschaften, ihre Neu­bauten in Holz zu realisieren und Teil der wachsenden CO²-Speicherlösung im Schweizer Bauwesen zu werden. Die Gemeinde Rheinwald zeigt: Klimaschutz beginnt im Wald – und wird im Gebäude sichtbar, messbar und marktwirksam.

Marcel Lerch ist Geschäftsführer von Graubünden Holz.

Sägerei Ferrera - eine Traditionssägerei mit Zukunft

Die Gemeinde Innerferrera betreibt schon seit dem Jahre 1946 eine Sägerei. Diese wurde einige Jahre nach der Fusion der beiden Gemeinden Ausser- und Innerferrera revidiert. Im 2013 wurden rund 440 000 Franken in die Revision und Modernisierung der in die Jahre gekommenen Säge investiert. Diese Investition sollte sowohl Arbeitsplätze sichern als auch die Rentabilität verbessern. Doch wie steht es heute um die kleine Gemeindesägerei? Enrico Netzer

Eckdaten
In Innerferrera, auf Romanisch auch Calantgil genannt, steht die Gemeindesägerei Ferrera. Der Säger Daniel Dürst begann seine Karriere auf der alten Sägerei im Jahre 2011 und arbeitet seit der Revision Vollzeit auf der modernisierten Sägerei. Dürst arbeitet heute im 80%-Pensum, dieses ist jedoch so aufgeteilt, dass er jeweils von März bis Ende November Vollzeit arbeitet und in den Wintermonaten Dezember, Januar und Februar in den Winterschlaf geht. Mehr dazu später.
Während der letzten zehn Jahre hat die Sägerei Ferrera im Durchschnitt rund 400 m3 Rundholz jährlich eingesägt. Eingeschnitten wird vor allem Nadelholz, wobei die Lärche mit 56% die am meisten eingesägte Baumart der Sägerei Ferrera ist. Am zweithäufigsten wird die Fichte mit einem Anteil von 38% eingesägt. Die dritthäufigst eingesägte Baumart ist die Arve mit einem Anteil von 6%. Das Fichtenrundholz für die Sägerei wird vollumfänglich aus den Waldungen der Gemeinde Ferrera bezogen. Das Arvenrundholz bezieht die Sägerei Ferrera meistens von der Nachbargemeinde Avers, wobei manchmal auch einige Arvenstämme aus den Wäldern der Gemeinde Ferrera stammen. Der Grossteil des Lärchenrundholzes muss angekauft werden, da die jährliche Menge an geerntetem Lärchennutzholz der Gemeinde Ferrera nur knapp ein Fünftel der benötigten Menge der Sägerei ausmacht. Aus diesem Grund werden Lärchen aus dem ganzen Kanton Graubünden gekauft.

Die Gemeindesägerei Ferrera. (Bild: Mathias Kunfermann)

Produkte
Die Sägerei Ferrera sägt auf Kundenbestellung ein. Den Wünschen der Kunden sind dabei beinahe keine Grenzen gesetzt. Die Sägerei kann Stämme mit einem Durchmesser von bis zu 90 cm und einer Länge von bis zu 12 m verarbeiten. Von Klotzbrettern über Balken bis hin zu Parallelbrettern kann auf Wunsch alles eingesägt werden. Von Vorteil ist dabei immer, wenn das geplante Projekt und die dafür benötigten Schnittwaren vorgängig mit dem Säger Dürst besprochen werden. Die Sägerei Ferrera sägt auch im Lohnschnitt ein. Dabei können uns die Kunden ihr Rundholz bringen, und wir sägen dieses gemäss Kundenwunsch ein. Aufgrund der engen Platzverhältnisse verfügt die Sägerei Ferrera lediglich über ein kleines Lager. Aus diesem Grund ist es von Vorteil, wenn man bei der Sägerei Ferrera schon frühzeitig seine Bestellung aufgibt oder man Zeit hat, teilweise bis zu mehreren Wochen auf seine Produkte zu warten. Es heisst ja nicht umsonst: Gut Ding will Weile haben.
Gibt Dürst jedoch einen Endtermin bekannt, so wird dieser auch eingehalten und man kann ein exakt eingesägtes, perfekt gestapeltes Paket mit einheimischen und feinjährigen Schnittwaren entgegennehmen.

Schwierigkeiten
Die Sägerei Ferrera kämpft trotz der Modernisierung jährlich mit roten Zahlen. Diese Defizite werden von der Bevölkerung akzeptiert, da man stolz auf die eigene Sägerei ist und diese auch behalten möchte. Die Modernisierung im Jahre 2013 sollte jedoch eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit mit sich bringen. Woran liegt es dann, dass die Sägerei Ferrera aus wirtschaftlicher Sicht immer ein Messer am Hals hat?
Der grösste Kostenfaktor sind die kleinen Platzverhältnisse. Diese beginnen beim Rundholzlager. Die vier kleinen Holzrollen neben der Sägerei können lediglich nach Holzart und bei der Lärche noch in die Längen 4 m und 5 m unterteilt werden. Werden nun für einen Auftrag gewisse Dimensionen benötigt, so müssen teilweise ganze Rollen umgekehrt werden oder man muss das Holz sogar von den zwei grös­seren Holzpoltern ausserhalb des Dorfes zuführen lassen. Im Inneren der Sägerei sieht es mit dem Platz nicht besser aus. So muss ein Grossteil der Schnittwaren mehrmals in die Hand genommen werden, bis diese zum fertigen Produkt auf das richtige Paket gestapelt werden können. Dementsprechend ist auch das Schnittwarenlager aus Platzgründen auf ein Minimum beschränkt. Dieses minimale Lager hat zur Folge, dass Kunden, welche kurzfristig auf die passenden Schnittwaren angewiesen sind, nicht bedient werden können. Fragen Kunden dann mehrfach nach Schnittwaren an und können nicht beliefert werden, so besteht die Gefahr, dass sie in Zukunft ihre Produkte direkt woanders beziehen.
Ebenfalls einen grossen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Sägerei hat die Auftragsgrösse. Viele kleine Aufträge mit verschiedenen Massen ergeben aufgrund der kleinen Platzverhältnisse höhere Produktionskosten. Hat die Sägerei jedoch grössere Aufträge, ab 2 m3 Schnittwaren mit einheitlichen Massen, so kann der Säger auch mit wenig Platz preiswert einsägen.
Eine weitere Schwierigkeit ist der Einschnitt im Winter. Die Sägerei Ferrera liegt auf der Schattenseite des Tales. Die Sonne verabschiedet sich Anfang Dezember von der Sägerei und kommt erst Ende Februar wieder. Somit friert das Holz, die Gleise des Sägewagens und alles Weitere rund um die Sägerei ein. Liegt dann am Morgen noch Schnee, so geht viel Zeit verloren, bis die Sägerei wieder einsatzfähig ist.
Einen weiteren grossen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit haben die Schnittholzpreise der Sägerei Ferrera. Um auf dem Schnittwarenmarkt gute Absätze zu generieren und auch das einheimische Gewerbe beliefern zu können, wurden Schnittwaren in den vergangenen Jahren zu günstigen Preisen abgesetzt. Auch dies trug unter anderem dazu bei, dass die Sägerei Ferrera vermehrt in den roten Zahlen war.


Das Innere der Sägerei Ferrera. In der Mitte sieht man den Sägewagen mit der Blockbandsäge und links den Besäumer. (Bild: Enrico Netzer)

Wie weiter?
Im ganzen Kanton Graubünden gehen vermehrt wieder einzelne Gemeindesägereien zu, da diese nicht mehr rentabel sind. Die Sägerei Ferrera ist jedoch ein wichtiger Teil der Geschichte des Dorfes sowie der Region. Sie gehört zum Tal und soll auch in Zukunft weiterhin Holz einsägen. Nichtsdestotrotz müssen angesichts der finanziellen Herausforderungen der Gemeinde auch die Finanzen im Auge behalten werden. Faktoren, wie in unserem Beispiel der Platzmangel, aber auch die Auftragsgrösse, können von der Sägerei Ferrera nur bedingt beeinflusst werden. Einzig bei den Kleinmengen hat die Sägerei Ferrera einen Kleinmengenaufschlag angesetzt, welcher das Defizit ein wenig minimiert.


Arventäfer der Sägerei Ferrera, welches in einem Neubau verbaut wurde. (Bild: Enrico Netzer)

Des Weiteren wurde das Arbeitspensum des Sägers angepasst. Dieser arbeitet jetzt im 80%-Pensum. Das Arbeitspensum des Sägers verhält sich wie die Sonne. Sobald diese im Februar zum Vorschein kommt, arbeitet der Säger 100%, und er verlässt die Sägerei Anfang Dezember wieder mit der Sonne und geniesst eine Winterruhe. Somit kann aufwendiges Arbeiten im Winter vermieden werden, was sich positiv auf die Finanzen auswirkt. Ebenfalls wurden die Schnittholzpreise in den vergangenen Jahren angepasst. Aufgrund dieser Erhöhung wurden jedoch oft die günstigeren Produkte der gros­sen Schnittholzlieferanten unseren einheimischen Produkten vorgezogen. Nachhaltigkeit und Regio­nalität hört bei so manchem beim Portemonnaie auf. Nichtsdestotrotz erfreut sich die Sägerei Ferrera einer kontinuierlichen Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Produkten, und es würde uns freuen, wenn wir in Zukunft auch für Sie einen Auftrag umsetzen dürften.

Enrico Netzer, Revierförster Ferrera/Avers. Gelernter Forstwart, schloss in Zollikofen den BSc Waldwissenschaften ab und leitet seit November 2019 die Sägerei Ferrera.

Bündner Holz - regional nutzen, Zukunft gestalten

Graubünden produziert jährlich ca. 230 000 m3 Nutzholz, doch nur rund 25% werden lokal verarbeitet. Aktuelle Leuchtturmprojekte zeigen: Hochwertige Architektur und regionales Holz passen perfekt zusammen – ökologisch, ­wirtschaftlich und kulturell. Robert Albertin

Jetzt gilt es, die Wertschöpfung im Kanton auszubauen: Investitionen in Sägerein, Veredelung zu hochwertigen Produkten, Ausbildung von Fachkräften in der Holzkette und koordinierte Beschaffung des Rohstoffs schaffen Arbeitsplätze, reduzieren Transportwege und stärken Dorfgemeinschaften. Bündner Holz kann mehr sein als nur Baustoff, es kann Motor für Innovation, nachhaltige Architektur und regionale Prosperität werden. Politischer Mut und strategische Weichenstellungen sind entscheidend, um dieses Potenzial entschlossen zu nutzen. 

Ausgangslage und aktuelle Beispiele
In Sedrun wurde diesen Sommer die Casa Depuoz offiziell den Nutzerinnen und Nutzern übergeben. Das Casa Depuoz ist ein Vorzeigeprojekt im nachhaltigen Bauen und wurde mit dem Label «Schweizer Holz» ausgezeichnet. Ebenso die neue Mehrzweckhalle in Grüsch und das Schwimmbadgebäude in Fideris, die bewusst auf Holz aus vertrauter Produktion setzen.


Übergabe Zertifikat Schweizer Holz, 7. November 2025. (Bild: Graubünden Holz)

Doch was auf den ersten Blick selbstverständlich wirkt – dass ein Holzbau im alpinen Raum mit regio­nalem Holz errichtet wird –, ist in der Realität noch längst nicht die Regel. Die Holzflussanalyse für den Kanton zeigt deutlich: 2024 wurden in Graubünden 409 000 m3 Holz geschlagen, wovon rund 90% tatsächlich genutzt wurden. Ein Grossteil dieses wertvollen Rundholzes verlässt jedoch den Kanton, um erst ausserhalb weiterverarbeitet zu werden – und oftmals in veredelter Form wieder zurückzukehren.
Ein bedeutender Hoffnungsschimmer zeichnet sich mit dem neuen Holzverarbeitungszentrum und Sägewerk «Resurses» in Tinizong/Surses ab. Das Werk bietet erstmals Kapazitäten, um regional geschlagenes Rundholz direkt im Kanton zu veredeln und kann jährlich bis zu rund 70 000 m3 verarbeiten – deutlich mehr als alle bisherigen Bündner Sägereien. Solche Investitionen sind entscheidend, um die Wertschöpfung im Kanton zu halten, Transportwege zu reduzieren und die regionale Holzbaukompetenz langfristig zu stärken.


Atrium Ost des neuen Fachhochschulzentrums Graubünden. (Bild: Giuliani Hönger Architekten/Visualisierung maaars)

Bündner Holz als Zukunftschance: Vom Roh­stoff zum regionalen Wertschöpfungsmotor
Damit das Holz aus Graubünden künftig vermehrt im Kanton bleibt, braucht es klare politische Weichenstellungen und den gemeinsamen Einsatz aller Akteure – von Waldbesitzenden über Gemeinden und Holzbaubetriebe bis hin zu Planenden sowie Architektinnen und Architekten. Zwar liegen zahlreiche Berichte, Studien und Auswertungen, unter anderem des Bundesamts für Umwelt und von Graubünden Holz, vor und zeigen sowohl den Zustand der Wälder als auch hochrelevante Wertschöpfungspotenziale und belastbare statistische Grundlagen auf. Der Neubau der Fachhochschule Graubünden setzt hier einen Akzent, der zeigt, dass zeitgemässe Architektur und regionale Holzproduktion kein Widerspruch sind, sondern ein starkes Signal für Innovationskraft, Selbstbewusstsein und eine zukunftsorientierte Ressourcenstra­tegie.
Ein ganzheitlicher Blick auf die Holzwirtschaft zeigt, dass es nicht nur um Schweizer Holz und CO2-Reduktion geht. Ebenso wichtig sind kurze Transportwege, regionale Veredelung, wirtschaftliche Stabilität und die Ausbildung der nächsten Generation. In Graubünden arbeiten rund 2000 bis 2500 Personen in etwa 600 Betrieben entlang der Holzkette – regional unterschiedlich, aber insgesamt zentral für die kantonale Wirtschaft. Wird die Produktion stärker im Kanton gehalten, steigt die regionale Wertschöpfung und das Risiko der Abwanderung sinkt, besonders in peripheren Tälern.


Mockups der Studierenden an der Fachhochschule Graubünden. (Bild: Fachhochschule Graubünden)

Stabile wirtschaftliche Perspektiven stärken Dorfgemeinschaften: Familien bleiben im Tal, zahlen Steuern, bilden Nachwuchs aus und tragen zum sozialen Gefüge bei. So entsteht ein Wertschöpfungskreislauf, der seit Jahrzehnten wirkt und durch eine modern ausgerichtete Holzwirtschaft weiter gestärkt werden kann. Dafür braucht es Unternehmen, die an die Zukunft des Bündner Holzes glauben und investieren. Die Wald- und Holzbranche spielt eine Schlüsselrolle im Klimaschutz – durch die Substitution energieintensiver Materialien und langfristige Kohlenstoffspeicherung. Doch die Transformation gelingt nur mit politischem und gesellschaftlichem Rückhalt. Wird das Holz von der Ernte bis zur veredelten Ware vollständig im Kanton verarbeitet, entsteht ein ökologisch und wirtschaftlich geschlossener Kreislauf: Ressourcen bleiben in der Region, Betriebe werden gestärkt und die Bedeutung des Holzbaus wächst.

Wichtige strategische Ansätze:

  • Investitionen in Sägereien, Trocknung und industrielle Vorfertigung
  • Öffentliche Beschaffung mit klaren Herkunftsvorgaben (z. B. «Schweizer Holz»)
  • Förderinstrumente für Veredlungsanlagen und Ausbildung
  • Bessere Koordination zwischen Waldbesitz, Sägewerken und Bauwirtschaft, inklusive transparenter Preise und verbindlicher Lieferungen

Graubünden verfügt über Ressourcen, Tradition und Know-how, um Holz zu einem zentralen Pfeiler einer nachhaltigen Wirtschafts-, Klima- und Standortstrategie zu machen. Damit ein regionaler, nachhaltiger Materialkreislauf funktioniert, braucht es fundierte Ausbildung und ein Bewusstsein für die damit verbundenen Chancen – besonders bei der jungen Generation. Die Fachhochschule Grau­bünden (FHGR) und regionale Bildungsinstitutionen leisten dazu seit Jahren zentrale Beiträge: Entwurfs- und Konstruktionssemester mit Schwerpunkt Holzbau, neue Lehrveranstaltungen zum nachhaltigen Konstruieren und zur Materialwahl sowie enge Kooperationen mit Praxispartnern sind fest etabliert.


Studentische Arbeit im Holzbausemester an der Fachhochschule Graubünden. (Bild: Lucca Anita Lauterbach)

Junge Generationen für nachhaltige Materialkreisläufe stärken
Architektur Studierende lernen von Beginn an materialgerechtes Konstruieren, Prinzipien der Vorfertigung sowie die soziale und ökologische Verantwortung beim Einsatz regionaler Baustoffe. Best-Practice-Beispiele – von prägenden Schweizer Architekturen bis zu aktuellen Positionen jüngerer Büros – bieten Orientierung und inspirieren eine neue Generation von Architektinnen und Architekten. Diese Vorbilder sind für Studierende, Bauherrschaften, Investoren und öffentliche Institutionen gleichermassen bedeutend. Seit den 1970er-Jahren haben Zimmerleute, Architekturbüros und Tragwerksplanende gemeinsam eine qualitätsorientierte Baukultur im Holzbau entwickelt. Leuchtturmprojekte zeigen, dass moderner Holzbau heute nicht nur ökologisch überzeugt, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bietet: Industrialisierung und Vorfertigung ermöglichen effiziente Planungs- und Bauprozesse, verkürzen Bauzeiten, steigern die Qualität und erleichtern Wartung, Anpassung und Rückbau über den gesamten Lebenszyklus.

Im Modul »Nachhaltigkeit in der Architektur« erhalten die Studierenden einen umfassenden Einblick in ökologische, technische und gestalterische Zusammenhänge. Grundlagen des nachhaltigen Bauens werden mit zeitgemässer, verantwortungsvoller Baukultur verknüpft; Gastreferate aus Forschung und Industrie ermöglichen den direkten Wissens­transfer. Themenschwerpunkte sind unter anderem ressourcenschonende Baustoffe, innovative Gebäudetechnik, zirkuläre Konstruktionssysteme, geschlossene Materialkreisläufe sowie Aspekte wie Systemtrennung, Demontage und Rezyklierbarkeit. Anhand realisierter Projekte wird aufgezeigt, wie sich diese Ansätze praktisch umsetzen lassen.
Ein weiterer Fokus liegt auf regenerativen Baustoffen wie Lehm, Hanfkalk, Stroh und Holz sowie auf anpassungsfähigen Tragstrukturen und nutzungsneutralen Gebäuden. Auf städtebaulicher Ebene werden Schwammstadt-Strategien, Hitzeinselvermeidung und zukunftsfähige Mobilitätskonzepte thematisiert – etwa 10-Minuten-Nachbarschaften, autoarme Siedlungen, Mobility Hubs und Smart-City-Ansätze. Mit dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) erhalten die Studierenden zudem ein Werkzeug, um Projekte systematisch hinsichtlich Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zu analysieren.
Seit mehreren Jahren bietet die FHGR ein eigenes Semester mit Fokus Holzbau an. Das «Konstruktive Entwerfen» vermittelt die Anwendung traditioneller wie industrieller Holzbauregeln im architektonischen Entwurf. Aufgrund seiner konstruktiven Logik ist der Holzbau ein idealer Lernträger, um das Zusammenspiel von Entwurf, technischem Verständnis, bauphysikalischen Anforderungen und realen Baustandards im Detail nachzuvollziehen. Das Modul baut auf regionaler Baukultur und anerkannten Regeln des Holzbaus auf und integriert moderne Fertigungs- und Planungsmethoden – ein wichtiger Schritt hin zu einem zeitgemässen, materialspezifischen Architekturverständnis.

Robert Albertin ist Professor für Architektur sowie stellvertretender Studienleiter am Institut für Bauen im alpinen Raum (FHGR) und betreut ein Architektur- und Bauberatungsbüro in Haldenstein und ist seit 2025 Vorstandsmitglied bei Graubünden Holz.

 

 

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