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Pioniere der Seilbahntechnik

Seit seiner Kindheit faszinieren Mario Riatsch Seilkräne und Seilbahnen. Was als Begeisterung begann, begleitet ihn bis heute in seinem Berufsalltag. Der leidenschaftliche «Seilkränler» erzählt von prägenden Erlebnissen, besonderen Erfahrungen und seiner anhaltenden Faszination für Seilbahnen, Seilparks, Umlenkrollen, Flaschenzüge und die Vielseitigkeit der Seiltechnik.

Ich bin in Ardez im Unterengadin aufgewachsen. In unserem Tal wächst ein wunderschöner Gebirgswald. Die Wälder wurden über Jahrhunderte genutzt und zum Teil auch übernutzt. Nur die Bannwälder blieben von der Nutzung verschont. Das Holz wurde mit viel Geschick zu Tal gebracht. Über Jahrhunderte wurden die Stämme von Hand gereistet, mit Pferden gerückt und auch mithilfe von Holzriesen zum Waldweg und von dort zur Sägerei transportiert. Auch der Inn wurde als Transportweg genutzt. So wurden im 17., 18. und 19. Jahrhundert viele Tausend Kubikmeter Holz nach Hall in Tirol zu den dortigen Salinen befördert.
Die Anfänge der Seilbahnen für den Holztransport reichen bis um 1900 zurück.


Zu Besuch beim Forstunternehmer Jamyang in der Nähe der Hauptstadt Bhutans: Thimphu.

Ich bin in Ardez im Unterengadin aufgewachsen. In unserem Tal wächst ein wunderschöner Gebirgswald. Die Wälder wurden über Jahrhunderte genutzt und zum Teil auch übernutzt. Nur die Bannwälder konnten nicht genutzt werden. Das Holz wurde mit viel Geschick zu Tal gebracht. Über Jahrhunderte von Hand gereistet mit Pferden gerückt und auch mit dem Holz Ries wurden die Stämme zum Waldweg und von dort in die Sägerei transportiert. Auch der Inn wurde als Transportmittel eingesetzt. So wurden im 17. 18. und 19. Jahrhundert viele 1000 m3 Richtung Hall im Tirol zu den dortigen Salinen befördert.Die Anfänge der Seilbahnen für Holztransporte datieren um 1900.
An meinen Grossvater Mario habe ich die meisten Erinnerungen. Auch er war ein Pionier des Holztransports im Engadin. Zuerst arbeitete er mit «Valtellina»-Bahnen, später mit neueren Anlagen, die mit Dieselgeneratoren und verschiedenen Winden ausgerüstet waren.
Er besass ein Sägewerk in Ardez. Dort schnitt er viel Holz für die EKW ein, die grosse Mengen an Schalungsbrettern benötigten, um die Armierungen für den Tunnelbau herzustellen. Mario Vital führte in der Region mehrere grössere Holzschläge durch, insbesondere nach Lawinenschäden, wie beispielsweise im Vinadi. Dort hatte eine Lawine im Jahr 1951 den Wald vollständig verwüstet. Bazegner erzählte, dass die Druckwellen der Staublawine Holz bis zu den Galerien der Strasse, die von der Kajetansbrücke nach Nauders führt, geschleudert hatten.


Die originale Bergstation des Drahtseilriesen (Fachbegriff für Beltlinerbahn), erbaut 1936 in der Val d'Assa bei Ramosch (Forsting.Not Luzzi).

Doch auch von schweren Unfällen blieb mein Grossvater nicht verschont. Bei Arbeiten mit einer Seilbahn in der Nähe der Acla da Fans sprang das Tragseil aus dem Sattel und traf ihn am Kopf und an der Schulter. Ein Teil der Kopfhaut und ein Ohr wurden dabei abgerissen. Schwer verletzt und bewusstlos zogen ihn seine Arbeitskollegen den steilen Hang hinauf bis zur Strasse nach Samnaun. Von dort wurde er nach Vinadi gebracht, in einen Jeep umgeladen und anschliessend ins Spital nach Scuol transportiert. Mit grossem Glück überlebte er diesen schweren Unfall.


Talstation der Veltlinerbahn in Sur En.

Der Lohn war auch nicht besonders hoch, wenn man bedenkt, welche Gefahren die Arbeiter auf sich nehmen mussten. Der Tageslohn betrug einen Fünfliber – oder anders gesagt: 50 Rappen pro Stunde. Und das natürlich ohne Entschädigung für die Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz. Mein Grossvater Mario ging 1975 in Pension, als ich fünf Jahre alt war. Von da an verbrachte ich viele Stunden mit ihm im Sägewerk in Ardez, aber auch in den Wäldern rund um Sent. Besonders fasziniert war ich, wenn ich mit meinem Grossvater Brennholz machen durfte.
Die meisten Leute räumten die Äste oberhalb der Waldstrassen zusammen, wo es viel bequemer war, das Holz aus dem Wald zu bringen. Das war bei meinem Grossvater anders. Mit seinem Geschick im Umgang mit Seilen, Rollen, Umlenkungen und vielem mehr richtete er sich alles so ein, dass er die Äste und Holzreste, die unterhalb der Strasse lagen, mit wenig Anstrengung hinaufziehen konnte. Er sagte oft: «Die schönsten Lärchenäste befinden sich dort, wo die meisten Leute weder die Mittel noch das Geschick haben, sie zu ernten.»
An eine solche Aktion erinnere ich mich noch sehr gut: An der Strasse nach Dartos hatte die Gemeindegruppe während des Winters einen Holzschlag durchgeführt. Als der Wald später zum Ästesammeln freigegeben wurde – was damals sehr begehrt war –, fuhren auch wir mit seinem beigen Opel nach Dartos. Im Gepäck hatten wir verschiedene Seile, Rollen und Ketten. Die Umlenkrolle wurde an einem Baum oberhalb des Weges befestigt. Mit einem rund 80 Meter langen Stahlseil ging ich den Hang hinunter zu einem der Holzhaufen, den mein Grossvater mit den Initialen «MV» markiert und reserviert hatte. Mit einer Kette wurde das Holzbündel am Seil befestigt.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Grossvater vom Strassenrand aus zuschaute und kontrollierte, ob sein Enkel das Holz richtig am Seil befestigt hatte.


Galgenstütze der Modellbahn in Sur En.

Der Anfang des Seils wurde mit einem Schlaufenspleiss am Haken des Opels befestigt. Mein Grossvater sass dann im Auto. Natürlich blieb der Motor ausgeschaltet; nur mit dem Gewicht des Fahrzeugs setzte sich der Opel langsam die Strasse hinunter in Bewegung. Damit ich den Hang nicht mühsam hinaufsteigen musste, hielt ich mich an einem Ast fest, der etwas herausragte. In kurzer Zeit lag so ein schöner Haufen Äste mitten auf der Strasse.


Eine der ältesten Hängebrücken der Welt.

Das Bündel wurde anschliessend mit der Motorsäge auf Ofenlänge geschnitten und im Kofferraum verstaut. Es erfüllte mich mit grosser Zufriedenheit und Freude, wenn wir mit einem Kofferraum voller schöner Lärchenstücke nach Hause zurückkehrten.
Mit meinem Grossvater war ich auch oft im Muglin Marugg unterwegs, das sich an der Hauptstrasse bei der Brücke über den Tasnan befindet. In diesem Magazin gab es eine Menge zu entdecken: Rollen in allen Grössen und Ausführungen – einfache, doppelte und dreifache sowie kleine und riesige. Dazu Haken in allen Formen und einer der ersten Deutz-Motoren aus den 1930er-Jahren, also noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.
Ausserdem standen dort eine grosse Anzahl von Bobinen mit Seilen in allen Dicken und Längen. Noch heute habe ich den Geruch des Fettes in der Nase, das dazu diente, all diese Geräte zu schmieren.
So entwickelte sich mein Interesse an der Arbeit mit Seilen immer weiter. Während meiner Lehre in Scuol besass die Gemeinde eine Bacco-Anlage für den Holztransport. Dort konnte ich viel von unserem Vorarbeiter, A. Zürcher, lernen.
Die meisten Holztransporte in der Region wurden damals von privaten Firmen und Akkordanten durchgeführt. Viele dieser Arbeiter stammten aus dem Passeiertal in Südtirol. Aber auch die einheimischen Firmen Janett, Gross und andere waren zu jener Zeit bereits gut ausgerüstet und auf die Seilerei spezialisiert.
Ich war jedes Jahr aufs Neue froh, bei der Aufstellung verschiedener konventioneller Seilbahnanlagen mithelfen zu können.


Jamyang bei seiner alten Wyssenanlage in Betrieb, und Wyssenmütze ...

Nach Abschluss meiner Lehre als Forstwart absolvierte ich mein Försterpraktikum in Ramosch. Dort kam ich mit den Guflern in Kontakt, die zu jener Zeit im Engadin stark vertreten waren. Obwohl damals noch vielfach mit älteren Anlagen gearbeitet wurde, erfolgte der Grossteil der Holztransporte mit konventionellen Seilbahnen.
Meine ersten Erfahrungen mit mobilen Seilkränen sammelte ich anschliessend an der Försterschule in Maienfeld. Auch dort war der Holztransport mit Seilbahnen mein Lieblingsfach. Über unseren Dozenten und «Seilkran-Papst» Ruedi Aggeler könnte ich viele spannende Episoden erzählen.
1994 trat ich meine erste Stelle als Förster in Vicosoprano an. Zwei Jahre später, 1996, wurde ich als Förster beim Forstamt Sent angestellt – sehr zur Freude meines Grossvaters Mario. Insgesamt war ich 21 Jahre für die Gemeinde Sent tätig.
Im Jahr 2015 fusionierte die Gemeinde Sent mit den umliegenden Gemeinden zur heutigen Gemeinde Scuol, die noch immer die flächenmässig grösste Gemeinde der Schweiz ist. Während meiner Tätigkeit half ich oft unserer Forstgruppe beim Aufstellen der Seilbahnen mit, die grösstenteils konventionelle Anlagen waren.
Im Zuge der Gemeindefusion konnte auch der Forstdienst neu organisiert werden. Gleichzeitig wurde in moderne Technik investiert, die den heutigen Anforderungen entspricht. Heute verfügt die Gemeinde über zwei konventionelle Wyssen-Anlagen sowie einen mobilen Seilkran der Firma Konrad (KMS 4000U).


Familienfreizeit Mai 2026, mit meinem Enkel Dea (3 Jahre) in luftiger Höhe über die Brücken des Erlbeniswegs in der Val d'Uina.
(Bilder: Mario Riatsch)

Seit über 15 Jahren bin ich als Seilkraninstruktor in der Ausbildung von Lernenden tätig. Die Entwicklung geht stetig weiter. Mechanisierung und Elektronik machen auch vor dem Waldrand nicht halt. Die Maschinen werden immer moderner und leistungsfähiger. Der Ertrag des Waldes nimmt jedoch kontinuierlich ab. Heute ist es kaum noch möglich, einen Holzschlag mithilfe einer Seilbahn kostendeckend abzuschliessen – und das trotz aller technischen Fortschritte. Dennoch lassen sich an vielen Orten noch die Spuren der damaligen Seilbahnen erkennen, zum Beispiel im Val d’Assa, auf Pramaran oder in La Foppa. Damit diese Einrichtungen nicht ganz in Vergessenheit geraten, habe ich in Sur En bei Sent eine «Valtellina» als funktionsfähiges Modell wieder aufgebaut. Dieses Projekt wurde 2008 im Rahmen der Waldwochen von Sur En realisiert. Das Modell ist rund 300 Meter lang und transportiert Rundholz vom Plan da la Jürada hinunter zum Plan da l’Ogna.
Die «Valtellina» wird bei verschiedenen Anlässen in Betrieb genommen. Zudem stellt sie eine zusätzliche Attraktion in der Region des Campingplatzes Sur En dar, der bereits heute zahlreiche Freizeitangebote bietet. Die «Valtellina» ist auch aus ökologischer Sicht interessant. Sie funktioniert vollständig emissionsfrei: Durch die Schwerkraft des Holzes wird das gesamte System angetrieben. Ein ähnliches Projekt existiert auch in Talamona im Veltlin.
Nun bin ich seit neun Jahren mit unserer Firma MaSer scrl (Mario + Seraina) unterwegs, und immer wieder begeistern mich Arbeiten im Zusammenhang mit Seilen. 2024 besuchte ich Toni El Suizo, den bekannten Hängebrückenbauer aus Pontresina. Er lebt heute mit seiner Familie in Thailand und hat mittlerweile über 960 Brücken in Südamerika und Asien gebaut. Wir durften für ihn auf seinem Gelände einen kleinen Seilpark errichten.
Diesen Frühling haben Seraina und ich eine einmonatige Reise nach Bhutan und Nepal unternommen. Über verschiedene Kontakte erhielt ich die Adresse eines Forstunternehmers, der ebenfalls in der Nähe der Hauptstadt arbeitet.
Die Freude und Begeisterung waren gross, als Jamyang mich zu seiner in Betrieb stehenden Seilbahn in der Nähe der Stadt Thimphu führte.
Es begeistert mich immer wieder, Menschen in anderen Kulturen und Kontinenten zu treffen, die dieselbe Leidenschaft für die Arbeit mit Seilen teilen.
Zum Schluss noch eine lustige Begebenheit, die mir letzte Woche passiert ist: Eine Frau Andri rief mich auf dem Handy an und fragte mich, ob ich alte Unterlagen über Seilbahnen besitze. Sie hatte erfahren, dass wir in Sur En noch eine funktionierende alte Veltlinerbahn in Betrieb haben. Es stellte sich heraus, dass sie die Ururenkelin des berühmten Seilbahnpioniers Stiliano Togni aus Roveredo ist.
Dieser Herr wurde für seine Erfindung an der Landesausstellung von 1896 in Genf mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet.
Und so hoffe ich, auch in Zukunft noch viele solcher interessanten Begegnungen erleben zu dürfen.
Unsere Familie (seitens meiner Mutter, der Familie Vital) ist bereits seit mehreren Jahrhunderten mit dem Holztransport beschäftigt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts sammelten sie erste Erfahrungen mit Seilbahnen. Durch sie wurden die ersten Drahtseile zur Vereinfachung des Rundholztransports im Unterengadin montiert.
Und so geht die Faszination für Hängebrücken, Seilbahnen, Flaschenzüge und Umlenkungen weiter.

In «Bündner Wald» 4/2021 erschien ein spannender Beitrag von Mario Riatsch über seine Vorfahren und die Holzerei im Engadin.